Der Öko-Dokumentator

Die Berlinale ist das große Thema dieser Woche. Stars und Sternchen winken vom roten Teppich, geben Autogramme, frieren in ihren textilarmen Roben im winterlichen Berlin. Zehn Tage Glamour satt. So geht Film, meinen die meisten. Dabei entstehen auch weit weg vom roten Teppich erfolgreiche Produktionen – wenn man nur richtig klotzt.

Der Film „Change – Ein deutsches Energiemärchen“ ist ein gewaltiges Projekt. Er will zeigen, wie sich weltweit die Energiewende durchsetzt. Gedreht wird in Deutschland, England und Japan.

Regisseur ist Carl-A. Fechner, Inhaber der Firma Fechnermedia in Immendingen bei Tuttlingen; irgendwo zwischen Alb, Schwarzwald und Bodensee, etwas schönfärberisch gehört die Gemeinde zur Tourismusregion „Bergland Obere Donau“. Höhepunkt des dörflichen Glamours ist hier die Fasnet, knapp zwei Wochen nach der Berlinale. „Da kann man ruhig arbeiten“, lobt Carl Fechner seinen idyllischen Standort.

Dabei hat ihn die Liebe nach Immendingen verschlagen: Seine Frau Bettina kommt aus Konstanz; sie wollte wenigstens in der Nähe ihres geliebten Bodensees bleiben. Er selbst, diplomierter Medienpädagoge, kommt aus der Friedensbewegung. Nach all den Blockaden, Demonstrationen und Menschenketten sollte Ende der 80er- Jahre professionell über die unfriedliche Welt berichtet werden.

Dutzende von Fernsehreportagen entstehen danach aus den Kriegs- und Krisengebieten der Welt. Am Beginn der Irakkrieg der Amerikaner, später die blutigen Konflikte im Südosten Europas. Auftraggeber sind öffentlich-rechtliche, aber auch private Sender. Als ihm, auf dem Höhepunkt des Bosnienkriegs, Stern-TV für viel Geld eine Reportage über eine bosnische Stadt anbietet, wo „über die Straße weg vergewaltigt wird“, lehnt Fechner ab. Zynischer Kriegsreporter, der den Couch-Potato-Voyeurismus bedient, will er nicht werden.

„Die 4. Revolution“ holte 130 000 Zuschauer ins Kino

So wendet sich seine Firma den Chancen und Visionen zu. Der ganz große Erfolg kommt im Frühjahr 2010: Der Dokumentarfilm „Die 4. Revolution – Energy Autonomy“ hat eine klare Botschaft: Die hundertprozentige Umstellung der Welt auf ein dezentrales System der Energieversorgung aus erneuerbaren Ressourcen ist möglich, und zwar schon binnen 20 Jahren. Carl-A. Fechner hat sich von Hermann Scheer inspirieren lassen. Der SPD-Politiker und Träger des „alternativen Nobelpreises“ liefert mit seinem Buch „Energieautonomie“ sogar den englischen Titel.

Carl Fechner gerät auch noch vier Jahre später ins Schwärmen, wenn er die Erfolge seines Films beschreibt: Meistgesehener Dokumentarfilm in Deutschland 2010; 130 000 zahlende Zuschauer im Kino. Dazu ungezählte Vorführungen bei Vereinen, Initiativen, Gemeindehäusern. In 28 Sprachen übersetzt, auf 40 Festivals weltweit vorgestellt. Großer Erfolg besonders in Japan – vor Fukushima.

Dabei hat Fechner zunächst große Schwierigkeiten gehabt, seine Produktion zu finanzieren. Die üblichen Verdächtigen, Fernsehen und Filmförderung, winken ab. „Ökofilme haben wir schon massenhaft“, heißt es etwa bei Arte. „Propagandafilm für eine gute Sache“ meint die regionale Filmförderung. Das dürfe man nicht unterstützen. So musste das Geld für den Film, immerhin 1,3 Millionen Euro, durch Crowdfunding aufgebracht werden. Viele Unterstützer, 368 – diese Zahl kennt Carl Fechner noch ganz genau – Personen und Institutionen haben das Werk finanziert.

Inzwischen ist diese Dokumentation von TV-Sendern auf der ganzen Welt ausgestrahlt worden. Auch von denen, die nicht mitproduzieren wollten, weil ihnen Ökofilme schon zum Hals heraushängen. Die Filmkritik, das soll nicht verschwiegen werden, zeigt sich eher gemischt: „Sendungs­be­wusster Werbefilm für erneu­er­bare Energien … schlicht in der Machart“, „Filmästhetisch wird die frohe Botschaft hochgetunt mit flatternden Vogelschwärmen im Gegenlicht und pompösen Fanfaren“. Selbst die ebenfalls zahlreichen positiven Stimmen, so etwa der „Spiegel“, „wann sah Ökologie je so gut aus?“, nennen den Film „Pamphlet“, „Manifest“. Überall schimmert die Einschätzung „Ökologie-Propaganda“, also „Ökoprop“, durch. Die einen finden das klasse, die anderen zum Kotzen.

Global denken, lokal handeln: Filmfinanzierung mal anders

Das wird bei dem neuen Film, „Change – Ein deutsches Energiemärchen“, kaum anders werden. Zumal Carl-A.Fechner jetzt schon weiß: „Dieser Film wird viel kämpferischer werden als die ‚4. Revolution‘.“ Die Selbstbeschreibung im Netz, hohe Ansprüche, hehre Ziele: „‚Change – Ein deutsches Energiemärchen‘ entfaltet seine Geschichten an Beispielen von Erfahrungen und Schicksalen außergewöhnlicher Persönlichkeiten – Unternehmer, Energieversorger, Landwirte, Aktivisten, Hartz-IV-Instruktoren und Wissenschaftler. Menschen, die für eine soziale Energiewende kämpfen und Teil von ihr sind. Die globales Denken mit lokalem Handeln verbinden. Die Nachhaltigkeit und Energieautonomie leben.“ Immerhin: „Aber auch solche, die sich dagegenstellen und im Alten verhaftet bleiben, kommen zu Wort.“

Ob der Regisseur Fechner solche Gesprächspartner überhaupt findet? Wer will sich schon outen, „im Alten verhaftet“ zu sein? Von Beginn an ist dieses Projekt als Medienkampagne geplant worden; der Kinofilm bleibt das Herzstück, daneben wird aber auf dem Web-2.0-Klavier in die Tasten gehauen, also Facebook, Twitter und Youtube eifrig bedient. Eine Art Förderverein, die „Energiewende Hohenlohe e. V.“, trommelt für „Change“, ein (einst) prominenter Solist, Ex-TV-Moderator Franz Alt, spielt als Filmpate mit. Und dann das Wichtigste, der Chor der Geldgeber: nach amerikanischem Vorbild, da kommt das Crowdfunding her, alles streng hierarchisiert.

Auf der untersten Stufe die „Supporter“ – mit einem Filmbaustein à 1000 Euro ist man dabei. Für die nächsthöhere Stufe „Smart Sponsor“ muss man bereits das Fünffache geben, auf der dritten und höchsten Sponsorenstufe dann mindestens 20 Filmbausteine, also 20 000 Euro. Wer mehr gibt, bekommt auch mehr: Der „Supporter“ wird auf der Website und im Abspann des Films mit Namen genannt, bekommt 50 DVDs und eine „repräsentative Urkunde“, die ihm bescheinigt, durch seine Gabe „ein Teil der Energiewende“ geworden zu sein. Die Sponsoren bekommen auf Wunsch Webspace, um ihr Unternehmen darstellen zu können, das Firmenlogo wird auf allen Werbemitteln und auch im Abspann des Films gezeigt, es gibt 250 DVDs und den persönlichen Kontakt zum Regisseur Carl-A. Fechner.

Eine ganze Reihe von Stadtwerken, Firmen, Kommunen und Genossenschaften, vor allem, aber nicht nur, aus Hohenlohe, unterstützen das Projekt als Sponsoren, eine ungenannte Zahl von Privatleuten als Supporter.

Ab Mai soll gedreht werden, und im Frühjahr 2015 wird „der Streifen“ wohl in die Kinos kommen. Der Trailer kann bereits seit geraumer Zeit unter www.germanenergiewende-derfilm.de angesehen werden.

Jetzt geht Carl-A. Fechner aber erst mal auf die Berlinale, wie in jedem Februar; Leute treffen und neue Kontakte knüpfen. Auf diesem Familienfest des deutschen Films sind alle vertreten, von George Clooney bis zum Jugendfilmclub Reutlingen. Und wer am Berlinale-Palast den riesigen roten Teppich sieht, träumt sicher davon, über diesen zu schreiten, Autogramme zu geben, während drinnen bereits Tausende auf die Premiere des eigenen Filmes warten.

Dieser Artikel erschien zuerst in Kontext Wochenzeitung – Ausgabe 150 – am 12.2.2014